Kognitive Aktivierung und konstruktive Unterstützung

Im Rahmen des aktuellen Forschungsprogramms zum qualitätsvollen Politikunterricht sind zwei Teilstudien, einmal in 52 Klassen bei 1260 Schüler/-innen der 9. & 10. Klassen in Realschulen und Gymnasien und einmal bei 1293 Schüler/-innen in 63 Klassen in Realschulen, entstanden. Das Modell der Politikkompetenz (Detjen, Massing, Richter & Weißeno, 2012) liegt der Studie zugrunde. Nach dem Informationsparadigma und den soziokonstruktivistischen Lerntheorien sind Fachkonzepte keine isolierten Wissenseinheiten im Gedächtnis, sondern sie liegen in der Form verschiedener grundlegender Schemata für Verstehen und Schlussfolgern (Urteilen) vor. Die Fachkonzepte sind bei den Schüler/-innen hoch-individuell ausgeprägt (Kunter & Trautwein, 2013). Lernen ist ein aktiver und konstruktiver Prozess. Es erfordert eine aktive Auseinandersetzung mit den Lerninhalten, um eine gut vernetzte und tragfähige Wissensstruktur aufzubauen. Je stärker Lernende sich mental aktiv mit dem Lerngegenstand auseinandersetzen, umso besser werden die Konzepte verstanden und umso nachhaltiger wird das Lernen. Hierzu wird das Modell der Tiefenstruktur des Unterrichts herangezogen. Die Lehrkräfte können kognitiv aktivierende Lernangebote machen und dabei mit den Schüler/-innen anregend interagieren. Die kognitive Aktivierung ist die bedeutsamste leistungsrelevante Qualitätsdimension. Ein weiteres Qualitätsmerkmal der Tiefenstruktur des Unterrichts ist die konstruktive Unterstützung. Sie beschreibt das Ausmaß, in dem die Lehrenden Schülerinnen und Schüler bei (Verständnis-)Schwierigkeiten helfen und die Lernprozesse begleiten (Kunter & Trautwein, 2013). Die Daten wurden mit Modellen der Item Response Theory entsprechend der theoretisch angenommnen Struktur beschrieben.

Ergebnisse: Die von den Schüler/-innen berichtete konstruktive Unterstützung und kognitive Aktivierung hängen erwartungskonform in beiden Teilstudien stark positiv zusammen. Die Aktivierung weist in der ersten Teilstudie einen geringen positiven Effekt auf das Wissen aus. Der Effekt der konstruktiven Unterstützung ist nicht interpretierbar. Die wahrgenommene Lehrer- Schüler-Interaktion hat einen geringen positiven Effekt auf das leistungsbezogene Selbstkonzept und hängt stark mit der kognitiven Aktivierung zusammen. Das leistungsbezogene Selbstkonzept hängt mit dem Wissen zusammen. In der zweiten Teilstudie gibt es entgegen der Erwartung und den Ergebnissen aus anderen Fächern keine Effekte der vier Skalen zu den Tiefenstrukturen auf das individuelle Lernergebnis.

Bearbeiter/-innen:

Studie 1: Georg Weißeno & Barbara Landwehr      Förderung: EU-Kommission (Jean Monnet Projekt)

Studie 2: Georg Weißeno, Natalie Köhle, Anja Schmidt, Simon Weißeno & Barbara Landwehr

Projektpublikationen

Weißeno, G., Köhle, N., Schmidt, A., Weißeno, S., & Landwehr, B. (2017). Sind die Lernumgebungen im Politikunterricht lernförderlich? Eine Studie zu den Tiefenstrukturen. In P. Mittnik (Hrsg.), Empirische Einsichten in der Politischen Bildung (S. 9-21 ). Innsbruck: StudienVerlag. Download pdf

Weißeno, G. & Landwehr, B. (2015). Effektiver Unterricht über die Europäische Union – Ergebnisse einer Studie zur Schülerperzeption von Politikunterricht. In M. Oberle (Hrsg.), Die Europäische Union erfolgreich vermitteln. Perspektiven der politischen EU-Bildung heute (S. 99-109). Wiesbaden: Springer. DOI 10.1007/978-3-658-06817-2_7